DGS Kongress 2020

Informationen und Austausch zum 40. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

 
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Public Event
Sep 7, 2020 · Updated

Ad Hoc130

September 17, 2020 (1:30 PM - 4:30 PM)

### Ad Hoc130: Grundbegriffe unter Spannung: Wie die Digitalisierung Akteurs- und Kommunikationsbegriffe herausfordert. - _Chair der Sitzung:_ **Katharina Block**, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg - _Chair der Sitzung:_ **Sascha Dickel**, Universität Mainz - _Chair der Sitzung:_ **Gesa Lindemann**, Carl von Ossietzky Universität - _Chair der Sitzung:_ **Jörg Pohle**, Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft _Ort:_ **digital** _[Diese Session wird von den Organistor*innen der Ad-Hoc-Gruppe aufgezeichnet und auf SocioHub zur Verfügung gestellt.]_ Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite. _Link zur SocioHub-Gruppe des AK "Digitalisierung als Herausforderung für die Soziologische Theorie", der die Ad-Hoc-Gruppe organisiert: [https://www.sociohub-fid.de/s/digitalisierung-der-soziologie/_](https://www.sociohub-fid.de/s/digitalisierung-der-soziologie/_) ### Präsentationen ** Von der verstehenden zur kombinatorischen Soziologie – Der Kommunikationsbegriff und sein mathematisch-nachrichtentheoretisches Erbe** **Julian Müller** Philipps Universität Marburg, Deutschland [Präsentationsfolien](https://www.sociohub-fid.de/file/file/download?guid=ed1eaa56-de62-45a3-b360-6277983ea688) Die Digitalisierung stellt eine Herausforderung für nahezu sämtliche Grundbegriffe der Soziologie dar. Ob an Begriffen wie ‚Handeln‘, ‚Interaktion‘ oder ‚Sinn‘ in Zukunft noch festgehalten werden kann, ist eine Frage, die derzeit kaum zu beantworten ist. Anders verhält es sich womöglich mit dem Kommunikationsbegriff. Zum einen handelt es sich dabei nicht um einen klassischen Grundbegriff des Faches, zum anderen steht die Geschichte des Kommunikationsbegriffs seit jeher in engem Zusammenhang mit technischen Innovationen. Es ist daher auch kein Zufall, dass zu den Gründungsdokumenten der Kommunikationstheorie in erster Linie Texte aus der Nachrichtentheorie und der Kybernetik gehören. An der Erfolgsgeschichte des Kommunikationsbegriffs lässt sich, und das soll die These dieses Beitrags sein, Folgendes studieren: Es handelt sich um einen Begriff, der eben nicht an begriffliche Traditionen aus der Philosophie anknüpft, sondern im Gegenteil immer schon konkret-technologische Fragen im Blick hatte. Am Auftauchen des Kommunikationsbegriffs im 20. Jahrhundert lässt sich nicht weniger als ein markanter Bruch mit den epistemischen Selbstverständlichkeiten der Geisteswissenschaften des 19. Jahrhunderts festmachen. So ist es auch kein Zufall, dass am Anfang dessen, was heute ‚Kommunikationstheorie‘ genannt wird, die Arbeit eines Mathematikers steht. Mit seiner Abhandlung „A Mathematical Theory of Communication” formulierte Claude E. Shannon 1948 eine Kommunikationstheorie, der es nicht um Sinn und Verstehen ging, sondern schlicht um Statistik und Kombinatorik. Für eine derartige Kommunikationstheorie ist es völlig gleichgültig, ob sie einen abgehörten militärischen Befehl oder einen Liebesbrief untersucht. Sie zielt nicht darauf ab, Bedeutungen zu verstehen, sondern lediglich darauf, die Wahrscheinlichkeiten von kommunikativen Ereignissen zu berechnen. In dieser Tradition von ‚Kommunikation‘ zu sprechen, heißt daher immer auch, auf Distanz zu klassisch hermeneutischen Ansätzen zu gehen. Der Beitrag möchte – vor dem Hintergrund der Herausforderungen durch Digitalisierung und einer damit einhergehenden „technologischen Sinnverschiebung“ (Erich Hörl) – an diese spezifische Genealogie des Kommunikationsbegriffs erinnern. ---------- **Die technische Kontingenz der Kommunikation. Überlegungen zum Verhältnis von Kommunikation und Handlung im Anschluss an Systemtheorie und philosophische Anthropologie** **Andreas Höntsch** TU Dresden, Deutschland Der Beitrag thematisiert das Verhältnis von Kommunikation und Handlung im Anschluss an Elena Espositos Analyse der virtuellen (doppelten) Kontingenz, die mit der Einschaltung selbstlernender Algorithmen in die doppelte Kontingenz entsteht. Virtuelle (doppelte) Kontingenz, die die Kommunikation als Informationsverarbeitungsprozess, aber auch den kommunikationsinternen Adressbildungsmechanismus sozialer Systeme kontingent setzt, wirft die von der Ad-hoc-Gruppe gestellte Frage auf, wer oder was eigentlich kommuniziert, wenn Computer an der Kommunikation beteiligt sind. Diese Frage hatte bereits bei Luhmann selbst Zweifel geweckt, ob sein Begriff der Kommunikation die neue Situation noch adäquat zu erfassen vermag: „Wer kommuniziert jetzt mit wem? Eignet sich unser Begriff überhaupt noch dafür?“ (Einführung in die Systemtheorie, S. 314) Bei der hierbei auftretenden Unbestimmtheit handelt es sich, so die These des Beitrages, um ein Reflexionsproblem, das mit dem systemtheoretischen Begriff der Kommunikation allein nicht mehr beantwortet werden kann. Es soll daher die Möglichkeit diskutiert werden, dass der Begriff der Kommunikation der systematischen Ergänzung um einen Handlungsbegriff bedarf, der nicht nur, wie es bei Luhmann der Fall ist, auf kommunikationsinternen Zurechnungsmechanismen beruht. Hierfür ist die Theorie des verteilten Handelns nicht zureichend, denn diese isoliert lediglich den Zurechnungsmechanismus sozialer Systeme, um empirisch vorkommende Handlungszurechnungen soziologisch zu untersuchen. Theoretische Fragen nach der Spezifik von Kommunikation und Handeln lassen sich mit einem solchen Ansatz dezidiert nicht stellen. Weiterführend ist hier die philosophische Anthropologie, der es nicht nur um die Frage geht, wie Handeln faktisch zugerechnet wird, sondern wie – jenseits von Kommunikation – Zurechnungsfähigkeit überhaupt möglich ist. Plessner beantwortet diese Frage mit dem Begriff der (geschichtlichen) Unbestimmtheitsrelation des Menschen zu sich, Gehlen mit der nur handelnd zu bestimmenden (biologischen) Unbestimmtheit des Menschen. Exakt dieser Bezug des Handelns auf eine konstitutive Unbestimmtheit lässt sich für die Frage nach der Beteiligung von Computern an der Kommunikation soziologisch fruchtbar machen. Kommunikation erweist sich so als Option eines institutionell eingebetteten Handelns, das in Zurechnungsmechanismen nicht aufgeht. ----------- **Von sinnlichen Helden zu erkundenden Situationen – Verschiebungen der Akteurskonstruktionen in digitalen Organisationen** **Victoria von Groddeck** LMU München, Deutschland Ich möchte die Frage, wie Digitalisierung die soziologischen Grundbegriffe des Akteurs und der Kommunikation herausfordern, ausgehend von den Ergebnissen einer Studie zur Veränderung von Steuerungssemantiken in Organisationen diskutieren. In dieser Studie habe ich untersucht, wie sich in Organisationen Vorstellungen zu Führung und Management unter zunehmenden Einsatz digitaler Techniken verändern. Es lässt sich dabei zeigen, wie sich die Konstruktion von wirkmächtigen Akteuren in diesen Bereichen gleichsam mit der Bezugnahme auf Zeit und insbesondere Zukunft verändert. So wird in einer ersten Phase der Digitalisierung darauf abgestellt, Potentiale einer nicht bestimmbaren, prinzipiell offenen Zukunft zu nutzen. Ein echter „leader“ soll hier eine Organisation „analytisch“, „sinnlich“ und „kreativ“ lenken. Im Zuge der Entstehung weiterer neuer digitaler Möglichkeiten, u.a. Big Data und Artificial Intelligence, kann dann beobachtet werden, dass sich die Steuerungslogiken und damit auch die einhergehenden Akteurskonstruktionen in Organisationen weiter verändern. Hier lösen sich heroische Akteurskonstruktionen auf und werden zunehmend kollektiviert: Es sind „flexibel“, „just in time“ agierende „Teams“ – oder ganz entpersonalisiert: „Settings“ und „Situationen“ –, die sich weniger den zukünftigen, als den gegenwärtigen Herausforderungen stellen. Ausgehend von dieser Studie werde ich im Vortrag dafür plädieren, Kommunikation als den grundlegenden soziologischen Begriff zu nutzen, um ausgehend davon Zurechnungsformen von Handeln zu untersuchen. Akteure sind dann gesellschaftliche Zurechnungspunkte, denen ein wirkmächtiger Handlungs- und Gestaltungspielraum zugeschrieben wird. Akteure können nicht zwangsläufig an vor ab festzulegen Kriterien, wie Psyche, Person, Leib festgemacht werden kann, sondern allein daran, inwiefern ihnen steuernde, widerständige Effekte für das Handeln anderer zugeschrieben werden. ------------ **Kommunikative Roboter: Automatisierte Kommunikation, Entanglement und Agency** **Andreas Hepp** [1], **Wiebke Loosen** [2] (1) Universität Bremen, Deutschland; (2) Leibniz-Institut für Medienforschung [Präsentationsfolien](https://www.sociohub-fid.de/file/file/download?guid=9cebfee0-bc89-4774-afb2-7f8b67defd16) Mit tiefgreifender Mediatisierung etablieren sich auch „kommunikative Roboter“: (teil-)automatisierte, (teil-)autonome Systeme, die der Kommunikation mit und unter Menschen dienen. Beispiele sind „artificial companions“ wie Amazons Echo, „bots“ auf Twitter oder „work bots“ wie sie bspw. Softwaresysteme darstellen, die im „automated journalism“ eingesetzt werden. So unterschiedlich solche Systeme sind, teilen sie Gemeinsamkeiten, die eine übergreifende Betrachtung als „kommunikative Roboter“ zielführend macht. Sie betreffen (a) vers. Formen der Automatisierung, die in ihrer Zwecksetzung alle auf Kommunikation abzielen, (b) die Einbettung in digitale Infrastrukturen, (c) ihre z.T. „menschenähnlichen“ Nutzerinterfaces. Für die Kommunikations- und Medienforschung sind kommunikative Roboter auch von Relevanz, weil sie zentrale Begriffe herausfordern: u.a. den Begriff des kommunikativen Akteurs, mit dem wir uns hier beschäftigen. Wir nutzen einen Ansatz einer „joint“ oder „hybrid agency“ (Hanson, 2009: 91): Die Agency „kommunikativer Roboter“ ist weder als rein menschliche Delegation zu fassen noch ist von einem „eigenen Akteuersstatus“ auszugehen. Sie entwickelt sich vielmehr im „entanglement“ (Scott/Orlikowski, 2014) von Technologie und menschlicher Praxis und damit als Teil spezifischer Figurationen. Wir verstehen sie also als „hybriden Akteur“, der sich im „enganglement“ von menschlicher Praxis und technischem System konstituiert. Zur Verdeutlichung befassen wir uns näher mit „work bots“, d.h. mit Automatisierung im Journalismus. Wir zeigen, dass Automatisierung von Kommunikation im Kontext weiterer Funktionalitäten gesehen werden muss, in die „kommunikative Roboter“ in alle Phasen journalistischer Aussagenentstehung einbezogen sein können, sie etwa Selektionsentscheidungen mitbestimmen. Zu fragen ist also, wie Journalismus seine Beobachtung der Gesellschaft mit Hilfe von „kommunikativen Robotern“ organisiert und inwieweit diese im „entanglement“ mit journalistischer Praxis ein neues „hybrides Akteurskonstrukt“ bilden. Entscheidend ist dabei, inwieweit „kommunikative Roboter wie ein Beobachter, Kommunikator und Entscheider agieren. Es gilt also, die Rolle „kommunikativer Roboter“ als Bestandteil menschlicher Figurationen zu fassen und die so entstehende Agency in einem solchen Gesamtblickwinkel zu theoretisieren.
Participants:
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